Samstag, 21. Juli 2018

Wo bleibt die Menschlichkeit?

In einem Artikel der Frankfurter Rundschau (im Folgenden FR) über Flüchtlinge und die «Mission Lifeline» heißt es: «Wo bleibt der Mensch, um den es angeblich immer geht?»

Als ich diesen Satz gelesen hatte, fragte ich mich: Ist das ernst gemeint? Seit wann geht es denn um den Menschen? Seit wann spielt Menschlichkeit eine Rolle in der deutschen Politik? Musste erst die vom Abendland mitverschuldete Flüchtlingskrise kommen, um auf die Barbarisierung der Gesellschaft aufmerksam zu werden? Hartz IV, Leiharbeit, Werkverträge, Rentenkürzungen, Bildungsmangel, GEZ-Zwangsbeitrag, Zuzahlungen für Krankenhausaufenthalt und Medikamente, Rüstungsexporte usw. usf. Und jetzt fragt man sich, wo die Menschlichkeit geblieben ist? Diese Frage ist genauso leicht zu beantworten, wie die Frage nach dem Verbleib eines Toten: Sie wurde begraben.

Der «Markt» ist zur Gottheit aufgestiegen und hat alle Imperative und Prinzipien unterworfen. Die Menschlichkeit wurde schon längst abgeschafft, so auch die Klarheit der Worte und das Mitgefühl gegenüber dem Leid der «anderen». Pegida ist nur ein Symptom, ein Symptom von vielen. Die Gesellschaft ist krank. Und das haben die im Bundestag vertretenen Sekten zu verantworten. Sie führen die Ökonomisierung des Lebens ein und schaffen damit die Humanität ab. Und das seit Jahren, seit Rot-Grün. Aber es ist nicht nur der Ökonomismus, sondern auch das Fehlen einer ohnehin unerwünschten humanistischen Bildung, die Seelenwüsten hinterlassen hat. In den Schulen und Ausbildungsstätten geht es nicht um den Menschen, sondern um den «Markt» und die eigenen Chancen darin. Wir lernen uns zu gut zu verkaufen, uns fast wie die Politiker zu prostituieren, um «gut» anzukommen. Tugend, Selbstachtung, Mitempfinden – das sieht das Curriculum nicht vor. Ziel war es nur, gut in Mathe, Deutsch und Englisch zu sein, und auch davon ist heute wenig übrig geblieben. Das liegt sowohl an der Einseitigkeit der Schulen, die uns auf das Arbeitsleben vorbereiten, aber nicht auf das Leben, wie auch an den propagierten Bildern eines «guten Lebens», die uns zum Massenmenschen, Konsumenten erziehen und falsche, illusionäre Erwartungen wecken.

Die Flüchtlingskrise ist nur die Böe gewesen, die das Dach weggerissen und die darunter liegende Hässlichkeit zu Tage gefördert hat. Jahrelang wurden Politiker gewählt, die sich für die Konzerne prostituieren und Waffen in alle Herren Länder exportieren. Das hat die Untertanen nicht gestört. Sie haben diese Politiker gewählt und alle vier Jahre ihre Politik bestätigt. Wenn Politiker das Lied von den Menschenrechten singen, während sie im Blut der Menschheit baden, behalten die Leute nur das Lied im Kopf, weil das andere Bild unbequeme Fragen aufwirft, Fragen nach der eigenen Verantwortung am Leid, an Krieg, an Vertreibung. Der zum Untertan erzogene Mensch kann einen solchen inneren Konflikt nicht standhalten. Also flüchtet er von der Realität, dem Ergebnis politischer Entscheidungen, in die Arme derer, die ihre Entmenschlichung offen vor sich her tragen und zelebrieren. Dort können sie sich gelassen der Barbarisierung hingeben und ausgelassen mitfeiern. «Absaufen, absaufen» ist nur der Refrain eines Liedes, das das Denken vieler Menschen beherrscht. Pegida bringt diese Kakophonie aus dem Inneren ins Außen, ist aber nicht ihr Urheber. Im Gegenteil: Pegida selbst ist das Produkt der Politik der letzten zwanzig Jahre, die uns auf so eindringliche Weise gezeigt haben, wie 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg vergehen können, ohne dass Deutschland etwas daraus gelernt hat. Allein die konservativen Politiker scheinen gelernt zu haben, dass ein Kontinent nicht mit Panzern zu erobern ist. Die Menschlichkeit können wir nur wiedererlangen und bewahren, wenn wir uns sowohl von den Politikern als auch von ihren spiegelgleichen «Geschöpfen», die den Menschen ins uns vernichten, verabschieden und den Sprung vom Untertanen zum Bürger, vom Parlamentarismus zur Demokratie wagen. Pegida und Bundestag sind nur der Spiegel. Falls uns das Bild im Spiegel nicht gefällt, müssen wir etwas dagegen unternehmen. Den Spiegel zu zerschlagen, würde nichts bringen. Nur wenn wir uns ändern, wird sich auch das Bild im Spiegel verändern.

Solange es den Menschen in uns noch gibt, so verkümmert oder zerschlagen er auch sein mag, müssen wir alles Notwendige zu seiner Gesundung unternehmen; seine Stücke aufsammeln, wieder zusammenkleben, ihn reanimieren und der Politik und Wirtschaft zum Trotz am Leben halten. Das beginnt schon damit, dass wir uns nicht an das Gute in uns vergehen, uns in Selbstachtung üben und alles vermeiden, was unsere Würde untergräbt. Das bedeutet auch, dass wir die Verantwortung für unser Leben, unsere Selbsbestimmung und unsere Autonomie nicht mehr preisgeben bzw. an Dritte abtreten, um dann in Ohnmacht und Frust unser Leben zu fristen. Denn willenlos ist nur das Abgestorbene; stirbt aber der Mensch im Leben, bringt er Bestien hervor. Was das bedeutet, können wir heute in allen großen Städten der Bundesrepublik beobachten. Humanität kann nur sein, wenn der Mensch ganz bei sich und nicht entfremdet und zerteilt ist. Insofern ist es wichtig, dass die Menschen ihre Wünsche nicht an Dritte richten und ihre psychische Energie mit Hoffen und Resignieren verschwenden, sondern den Menschen in sich wieder aufrichten, ganz Mensch werden und damit die Rückkehr der Humanität in den Alltag, am Arbeitsplatz und in der Familie einleiten. Solange das nicht passiert, stirbt der Mensch und mit ihm die Errungenschaften der Aufklärung einen langsamen Tod. Jeder von uns trägt ein Stück weit Verantwortung für diese Entwicklung, der eine mehr, der andere weniger, sicher, doch die Hauptschuld liegt bei den Politikern und ihren Großspendern, denn sie haben die Gesellschaft geleitet und gelenkt und schließlich in diese Ecke hineinmanövriert.

Wenn Journalisten also fragen: «Wo bleibt der Mensch, um den es angeblich immer geht?» Müssen wir ehrlicherweise antworten: Fragt die Politiker und ihre Helfershelfer, sie wissen, wo sie ihn begraben haben.