Samstag, 30. Juni 2018

Edwin Oliver James: Der Kult der Grossen Göttin

Rezension zu: E. O. James, Der Kult der Grossen Göttin, Bern 2003.

Mit »Der Kult der Grossen Göttin« hat Edwin Oliver James ein faszinierendes Buch geschrieben, welches, obschon sachlich geschrieben, die Leidenschaft des Autors für sein Fach dokumentiert.

Thema des Buches sind die Kulte großer Muttergottheiten der Altsteinzeit, Jungsteinzeit, Bronzezeit, in Ägypten und auf Kreta, in Malta, Westeuropa, Anatolien, Iran und anderen Orten der Welt. James behandelt hier auch den Göttin-Kult in Mesopotamien, im Nil-Tal, in Palästina und Israel, Indien und Rom.

Der Text ist logisch aufgebaut, der Schreibstil flüssig und der Autor unglaublich versiert. Er schreibt mit einer Leichtigkeit und Anmut, die seinesgleichen sucht. Mich hat die Sachlichkeit, das fundierte Wissen und die Gründlichkeit des Autors so sehr fasziniert, dass ich auch seine anderen zwei ins Deutsche übersetzte Bücher auf meine Liste setzen musste. Dem Verlag »Amalia« ist hier wirklich Großartiges gelungen. Das Layout und die Übersetzung ist tadellos.

Ich habe »Der Kult der Grossen Göttin« (Mitte 2007) gelesen, um mehr über das vor-Homerische Griechenland und seine Kulte zu erfahren. Der gute Schreibstil und die vielen Informationen machten es mir unmöglich, das Buch zur Seite zu legen, schließlich fieberte ich dem Kapitel über Griechenland und die minoische Schlangengöttin Diktynna (die Göttin Rhea in ihrer ursprünglichen Form) entgegen. Kreta nimmt im Buch einen Sonderplatz ein, denn hier liegen die eigentlichen Wurzeln der griechischen Religion. Es hat mich dann doch überrascht zu erfahren, dass Zeus dem Autor zufolge ursprünglich ein kretischer Vegetationsgott und einer weiblichen Gottheit untergeordnet war. Aber auch andere klassische Gottheiten der griechischen Religion (Hekate, Demeter, Athene, Hera) werden hier behandelt. Dabei liegt der Fokus auf die weiblichen Gottheiten.

Das eigentliche Thema ist soz. die Religionsgeschichte des Göttin-Kultes. Seine Ausbreitung, Symbole, Geschichte, später seine Verdrehung und Usurpierung durch den Monotheismus, sein Bestehen im Nahen Osten (bis ins 20. Jahrhundert hinein in Form eines Baumkultes) und seine Beziehung zum Madonna-Kult. James zufolge war Allah eigentlich ein weiblicher Gott und Yahwe Sohn-Geliebter einer Muttergöttin.

Das Buch hat sehr viele Bilder (die sehr hilfreich sind) und gehört zu meinen Favoriten, weil hier so viele unbekannte und erstaunliche Fakten auf faszinierend selbstverständliche Art und Weise nahe gebracht werden. Dabei kommt es an einigen Stellen vor, dass der Autor bei einem Thema (Wortwurzel) zu sehr in die Tiefe geht und einige andere Punkte nicht ausführlich genug behandelt werden. Ansonsten kann ich das Buch allen empfehlen, die sich für den Kult und die Geschichte der großen Mutter interessieren und darüber mehr erfahren möchten.