Samstag, 30. Juni 2018

Astrid Reuter: Voodoo und andere afroamerikanische Religionen

Rezension zu: Astrid Reuter: Voodoo und andere afroamerikanische Religionen, München 2003.

In «Voodoo und andere afroamerikanische Religionen» schreibt die Autorin die Geschichte der afroamerikanischen Religion mit Schwerpunkt die Religionen Voodoo und Santeria. Sie beschreibt die Deportation der Afrikaner in die «neue Welt», die Verhältnisse der Sklaverei in der Stadt und auf dem Land, und wie die Sklaverei ihre Religionen formten. Der Entstehungsprozess der afroamerikanischen Religionen, ihre Weltanschauungen und ihre Bedeutung für die Sklaven wird gut herausgearbeitet.
Sie verfolgt diese Religion von ihren Anfängen bis in die Gegenwart. Großes Gewicht legt sie auf die Entstehungsbedingungen derselben. Das 16. Jh. markiert den Beginn der afroamerikanischen Religionen Voodoo, Santeria, Candomble, Umbanda, Xango etc. Die drei ersterwähnten sind die größten und bekanntesten unter ihnen. Sie alle sind miteinander verwandt und auf Haiti, der Karibik, Kuba, Brasilien und Argentinien beheimatet, dort leben die meisten ihrer Anhänger. Auch in den USA haben sich Voodoo- und Santeria-Gemeinschaften gebildet.

Das Buch hat viele Facetten.
Auf der einen Seite wird die Geschichte der Religionen geschildert, der afrikanischen Sklaven und ihrer Lebensverhältnisse, auf der anderen erzählt es die Geschichte von afrikanischen Völkern, die sich nach langer Schiffsfahrt, welche vielen den Tod brachte, in einem fremden Kontinent weit entfernt der Heimat wiederfinden und unter sehr schwierigen Bedingungen die Trümmer ihrer kulturellen Identität neu zusammenfügen müssen. Die Eroberung Amerikas ging Hand in Hand mit der Erschließung eines neuen Kontinents für das Christentum einher (S. 21). Vom 16. bis zum 19. Jh. wurden 10-12 Millionen Menschen aus Afrika deportiert. In der «neuen Welt» angekommen, wurden sie auf dem Sklavenmarkt verkauft und mussten fortan alle Arbeiten verrichten, die ihre «Herren» von ihnen verlangten. In den meisten Plantagen wurden sie sehr grausam behandelt, in der Stadt hatten sie als «Haussklaven» mehr Freiheiten, konnten sich sogar von der Sklaverei freikaufen. (Die Afrikaner waren nicht die einzigen Opfer des Abendlandes. Die einheimische Bevölkerung der Karibik hat es wohl schwerer getroffen; sie wurde weitgehend vernichtet.)
Soziale und kulturelle Bande der Sklaven wurden zerschlagen, sie selber zum christlichen Gottesdienst gezwungen, praktizierten aber weiterhin ihre väterlichen Religionen unter dem Gewand eines christlichen Glaubens. Als katholische Heilige verkleidet, fanden die afrikanischen Götter weiterhin Verehrung. In der Weltanschauung der Afrikaner benötigen die Geister ihre Verehrung durch die Menschen, um ihre Macht aufrecht zu erhalten. Die Beziehung von Geist und Mensch ist ein kontinuierliches Geben und Nehmen.
Gekonnt schafft es die Autorin, die verschiedenen Ebenen in Einklang zu bringen.
Die Voodoo- und Santeria-Gemeinschaften bilden erweiterte spirituelle Großfamilien, ihre Mitglieder tragen für sie die Verantwortung. Innerhalb dieser Gemeinschaften besteht eine Fürsorgepflicht der Großfamilie gegenüber den Lehrlingen und Mitgliedern. Die Gemeinschaften sind voneinander unabhängig und werden von einem Priester oder einer Priesterin geleitet. Im Verlauf des 19. Jh. bildeten sich in Brasilien und Argentinien vermehrt Santeria- und Candomble-Gemeinschaften. In diesen verschmolzen katholische Heilige mit afrikanischen Göttern, so ging die Göttin Oshung eine Verbindung mit der hl. Maria ein. Neuerdings bildete sich in der Santeria eine Richtung, die nach einer Katharsis der Santeria von christlichen Elementen verlangt.

Die Candomble-Religion hat sich in den Städten entwickelt. Santeria und Candomble hatten es etwas schwerer, als der Voodoo. Während Haiti 1804 ihre Unabhängigkeit erlangte, ging der Menschenhandel und die Sklavenaufstände in Brasilien bis zum Jahre 1888 weiter. Doch danach war es nicht so, dass Candomble aufatmen konnte, denn die polizeilichen Verfolgungen und staatlichen Repressalien fanden erst 1930 ein Ende. Heute hat sie sich davon erholt und erfreut sich steigender Beliebtheit in der Bevölkerung. Es ist eine sehr bunte, lebensfrohe Religion. Aus ihr entwickelte sich im 20. Jh. die Umbanda heraus, eine Mischung aus afrikanischer Religion und europäischem Spiritismus, sogar der Tai-Chi und die Kabbala finden unter ihren Anhängern Beachtung. Die meisten Anhänger afroamerikanischer Religionen in Brasilien praktizieren Candomble.
Im Buch steht also die Geschichte, Entwicklung und Weltanschauungen der afroamerikanischen Religionen, vornehmlich Voodoo, Santeria und Candomble, geschrieben. Die Autorin verschafft ihren Lesern einen wunderbaren Überblick auf diese faszinierenden Religionen und versteht es gut, ihre Bedeutung für die Aufstände und Befreiungskriege zu akzentuieren. Nach der Lektüre, können wir Leser die kubanische und brasilianische Seele ein Stück mehr verstehen.
Der Text ist verständlich geschrieben, aber wegen der kleinen Schrift nicht unbedingt angenehm zu lesen, doch das trifft den Verlag, nicht die Autorin.