Samstag, 30. Juni 2018

Andreas Gößling, Voodoo: Götter, Zauber, Rituale

Rezension zu: Andreas Gößling, Voodoo: Götter, Zauber, Rituale, München 2004.

Die meisten kennen den Voodoo wahrscheinlich nur aus Filmen und Medienberichten, die ein äußerst schlechtes Licht auf ihn werfen. Hollywood reduziert den Voodoo auf obskure Zauberpraktiken und der Presse
fällt er nur dann ein, wenn irgendeine Berühmtheit in Liebesnot eine Voodoo-Priesterin mit der Rückführung ihres Ex-Partners beauftragt haben soll. Mit solchen und anderen Gerüchten und Verleumdungen von kirchlicher Seite wurde der Voodoo in Verruf gebracht. Trotz allem fasziniert er mit seiner exotischen Ausstrahlung weiterhin sehr viele Europäer und Amerikaner. Und zu recht, denn der Voodoo, weit entfernt von «Götzendienst» oder «Teufelsanbetung», ist eine sehr vielseitige, «komplexe Religion» (S. 11) und Lebensweise.

Im Voodoo sind afrikanische Götter, Riten und Anschauungen eine neue Verbindung eingegangen. Aus der Not der afrikanischen Sklaven heraus entstanden, ihre ethnische Identität nicht vollends ans Kreuz zu verlieren, wandelten sich die Sklavenkolonien Haitis zum Schmelztiegel für die Riten, Götter und «kulturellen Trümmer» aus Dahome, Kongo und Nigeria. Aus dieser Verbindung ist der Voodoo entsprungen. Er gab den Sklaven Halt in einer feindlichen Umwelt, einigte sie untereinander und schürte unaufhörlich die Glut des Widerstandes.

Auf Haiti angekommen, fielen sie in die Hände ihrer neuen «Herren», der Aufseher und christlichen Seelenfänger. Sie wurden von ihren Familien getrennt, getauft und erhielten neue Namen, bevor sie zu den Zuckerplantagen und Minen geführt wurden, wo sie zu Zehntausenden durch die Peitsche und die «Arbeitsbedingungen» den Tod fanden. Die Ausübung ihrer väterlichen Religion wurde ihnen verboten. In den Augen ihrer Tyrannen hatte die «Satansbrut … keine bessere Behandlung verdient» (S. 17).

Es waren die Magier und Priester des Voodoo, die den größten Widerstand leisteten, den Afrikanern ihre Identität zurückgaben und zum Befreiungskampf ermutigten. Im großen Befreiungskampf stand ganz Haiti in Flammen. Mit Steinen, Stöcken und Messern attackierten sie die an Waffen und Rüstung ihnen weit überlegen Spanier. Ihr Mut war grenzenlos. Doch der Weg zur Freiheit war noch lang. Von 1915-34 besetzten die USA Haiti. Die katholische Kirche mischte wieder kräftig mit, wollte die Bevölkerung Haitis von ihrem «Aberglauben» befreien. Sie führte mit US-Soldaten im Gefolge ihren Ausrottungskrieg gegen den Voodoo und zerstörte viele seiner Tempel. Die Rebellen wurden von den US-Soldaten getötet. Die Geschichte des Voodoo ist die Geschichte von Kulturen, die Geschichte eines Widerstandes. Umso faszinierender ist seine Weltanschauung.

Die wichtigsten Loas oder Götter des Voodoo stammen aus den afrikanischen Königreichen, «nichts anderes als Engel» in den Augen des Autors, durch die der große Schöpfergott Bondieu («der gute Gott») das Universum erschaffen hat. Doch Bondieu ist von den Menschen zu weit entfernt und beschäftigt sich nicht mit seiner Schöpfung, ganz anders die Loas. Die Loas sind sehr faszinierende Gestalten, sind weder «ganz gut» noch «ganz böse». Sie haben viele Gesichter und ihren eigenen Machtbereich. Sie strafen, beschützen und trösten die Sterblichen, können aber auch sehr «hart» ihnen gegenüber werden. In der Weltanschauung des Voodoo spenden sie der Welt Lebensenergie und nähren sich wiederum von der Verehrung ihrer Anhänger.
Das Herzstück des Voodoo ist nicht der «Glaube», sondern die rituelle Besessenheit. Mit der Besessenheit der kleinen Regan im Film «Der Exorzist» hat sie nichts gemein, im Gegenteil: sie ist von den Voodooisten erwünscht, gut für ihre Gesundheit und ihre Lebensenergie.

Der Besessene verändert seine Mimik, sein Verhalten, seine Gesten, sein Gesichtsausdruck wird dem des Loas ähnlich, seine individuelle Persönlichkeit geht für die Dauer der Besessenheit verloren. Anhand seines Verhaltens erkennen die Kundigen, welcher Gott gerade eben von ihm Besitz ergriffen hat. Der Loa lässt sich im Kopf des Besessenen nieder. Später kann sich dieser nur sehr wenig oder gar nicht daran erinnern. Die Beziehung der Voodooisten zu ihren Göttern ist sehr persönlich, die Voodoo-Gemeinschaft wird zur Ersatzfamilie des angehenden Priesters oder der angehenden Priesterin. Gößling erklärt genau, wie es im Voodoo-Tempel aussieht, was die Utensilien bedeuten und wie die Riten ausgeführt werden. Der Voodoo ist eine magische Religion. Viele seiner Anhänger praktizieren Magie, für sie ist das normal. Doch ist Voodoo selbst eine Religion. Man darf ihn nicht mit Hoodoo, ein Sammelsurium magischer Rituale und Techniken, verwechseln.

Gößling scheint den Voodoo sehr gut zu kennen. In Haiti hat er viele Gespräche über Voodoo gehört, Rituale aus der Nähe aus betrachtet und ein gutes Verständnis der Voodoo-Mentalität entwickelt. Seine Haltung zum Voodoo erlaubt mehr Nähe zu dieser einzigartigen Weltanschauung, ist nicht distanziert und nicht von Dualismen blockiert. Wer mehr über Voodoo erfahren möchte, insbesondere über seine Riten, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen. Der Text lässt sich gut lesen und die Schriftgröße sehr angenehm. Es war mein erstes Buch über Voodoo. Dennoch habe ich alles verstanden, weil der Autor nicht in «tiefe Gewässer» geht, Begriffe erklärt und sein Schreibstil herrlich locker ist. Gefallen hat mir die Geschichte hinter der Voodoo-Religion interessiert. Oft begehen Autoren, welche sich an Laien richten, den Fehler, den Leser mit einer unübersichtlichen Datensammlung zur Geschichte des eigentlichen Themas zu demotivieren. Gößling hat diesem Umstand Achtung gezollt. Die Geschichte des Voodoo ist auf das Notwendigste reduziert und begrenzt sich einzig auf Haiti. Daher eignet sich sein Buch gut als Einführung und als Ausgangsebene für weiterführende Literatur.