22.08.2019

Re-Indigenisierung

Die Re-Indigenisierung ist ein Begriff aus der Ethnologie und bezeichnet den Prozess der Wiederherstellung der indigenen Kultur oder kultureller Elemente einer Ethnie und der damit einhergehenden Revitalisierung von Ethnizität (Ethnismus) unter Berücksichtigung der gegebenen Umstände und Bedürfnisse der jeweiligen Ethnie. Sie kann als eine angemessene Reaktion auf Kolonialismus, Christianisierung, Ethnozid oder auf eine aufgezwungene Angleichung an die dominierende Kultur der heutigen Welt verstanden werden. Die Ethnizität bildet ein vielschichtiges Komplex aus Sprache, Symbolik, Mythologie, Religion, Weltanschauung, Feste, Kosmologie, Ethnomedizin, Kunst, Geschichte, Brauchtum und sozialen Strukturen. Im Folge einer Re-Indigenisierung grenzt sich eine Ethnie vom Abendland («Moderne») oder der Kultur der Eroberer ab, hebt das wiederentdeckte Eigene hervor und als Alternative der dominanten Kultur gegenüber. Die Re-Indigenisierung verfolgt einen spezifischen Zweck, will einen dauerhaften soziokulturellen Wandel herbeiführen. Ein solcher Prozess wird beispielsweise durch eine nativistische Bewegung organisiert und kann nur gelingen, wenn er von der großen Mehrheit der Ethnie oder des Stammes befürwortet und getragen wird, was aufgrund von wirtschaftlichen Zwängen nicht immer selbstverständlich ist. Die Re-Indigenisierung kann den vollständigen Bruch mit den kolonialistischen Strukturen oder Normen bedeuten und den Kampf gegen Armut, Kriminalität oder um Landrechte beinhalten. Die Hauptziele bestehen in der Rückbesinnung auf die eigene Kulturtradition, der Orientierung am eigenen Wertesystem und letztlich in der Autonomie der eigenen Ethnie. Dies ist nur durch eine Abwendung von der dominierenden Kolonialmacht oder Kultur zu bewerkstelligen.

Die Verdrängung fremder kultureller Elemente schafft neuen Raum für die Regeneration der kollektiven ethnischen Imagination, sprich: die Identitätsstiftung. Ein solcher Freiraum erweist sich insbesondere dann als äußerst hilfreich, wenn das von der dominierenden Kultur negativ gezeichnete Bild von der eigenen Kultur im Zuge der Assimilierung internalisiert wurde und die Zugehörigkeit zum jeweiligen Stamm Scham erzeugt. Hier kann die Identifizierung mit den traditionellen Werten oder den Helden aus der Mythologie heilend auf das ethnische Bewusstsein wirken und dabei helfen, sich nicht mehr über beispielsweise westliche Kategorien und Denkarten zu definieren. Durch eine positive Hervorhebung der eignen Andersheit und Eigenart kann das Kollektiv seine Mitglieder dabei unterstützen. Von besonderer Bedeutung ist dabei das Erlernen oder die Wiederaneignung der eigenen Sprache, der Mythen, Sitten, der Musik, Medizin, Mode und Literatur. Gleiches gilt für die Weltanschauung und Religion, von der Außenstehende oder Mitglieder der dominierenden Kultur auch ausgeschlossen werden können, um beispielsweise die Riten vor Imitation, Verfälschung und Ausbeutung zu schützen. Die Kriegserklärung (declaration of war) der Lakota gegen die Ausbeuter der Lakota-Spiritualität vom 10.06.1993 ist ein gutes Beispiel dafür und wird auch von den ethnischen Hellenen geteilt. Die Kriegserklärung fand ihre Triebfeder in der Sorge der Lakota um ihr kulturelles Erbe, die Enteignung und Vernichtung ihrer Tradition.

Lila 2

Wird die Re-Indigenisierung von der Mehrheit des Volkes oder Stammes getragen, ist der Wandel vollzogen. Das Heranführen der Jugend an die eigene Kultur und die Wiedereinführung von traditionellen Strukturen soll die Nachhaltigkeit des Vorhabens garantieren. Doch Re-Indigenisierung umfasst nicht nur die Restauration der ethnischen Identität innerhalb der eigenen Gemeinschaft, sondern auch die Öffentlichkeitsarbeit, den politischen Aktivismus in der Außenwelt sowie die Gründung von Schulen und Institutionen, die Zurschaustellung von Ethnizität durch das Tragen von Schmuck, traditioneller Kleidung oder durch öffentliche Zeremonien, die Botschaften nach innen und außen senden. Eine besondere Bedeutung kommt der Anerkennung der eigenen Kultur als eigenständige Größe von der Weltöffentlichkeit zu, weil nur dann andere Völker, Menschenrechtsorganisationen und internationale Instanzen im Hinblick auf politische Missstände und Verwerfungen sensibilisiert werden können. Der daraus resultierende öffentliche Druck kann Regierungen zwingen oder dazu bewegen, indigenen Minderheiten weitreichende Rechte zu gewähren, ihr Landrecht zu achten oder ein solches zu erlassen. Mit einklagbaren Rechten und auf eigenem Land können die Indigenen ihre Gemeinschaft in ihrem Sinne neu organisieren, ein eigenes Bildungssystem entwickeln und ihre eigene Lebensweise pflegen, ohne gestört oder diskriminiert zu werden.

Der Abschied von der dominierenden und der Fokus auf die eigene Kultur hilft einer Ethnie, sich selbst zu finden, zu akzeptieren und kulturell unabhängig zu werden. Ist der Ethnie (oder dem Stamm) am Kontakt oder gar an einer Öffnung zur Außenwelt gelegen, hat sie die Möglichkeit, sich erst dann zu öffnen, wenn sie dazu bereit ist und entschieden hat, in welcher Beziehung sie zur dominierenden Kultur oder der Welt stehen möchte. Eine derartige Entscheidungsfreiheit setzt immer Autonomie voraus.

Die Re-Indigenisierung dient nicht nur einzelnen Ethnien, sondern stellt eine Erholung für die gesamte Ethnosphäre dar. Denn über den Weg der Re-Indigenisierung lässt sich die Vernichtung der eigenen Lebensweise und Identität so weit wie nur möglich rückgängig machen und der Schalter der Globalisierung durch Maßnahmen zur Indigenisierung der Wirtschaft (Anpassung der vorherrschenden Wirtschaftsweise an die eigene Kultur) ein Stück weit zurückdrehen, wodurch Freiräume für Alternativen entstehen können.

21.08.2019

Hellenismos: Sein Ursprung und Verlauf

Der Hellenismos – Ursprung und Verlauf
Der Text erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und soll einen generellen Überblick über den Verlauf des Hellenismos während der Jahrhunderte liefern.

Minoische Kultur (Kultur und Religion der Hellenen sind minoisch-mykenischer Herkunft.)



Mykenische Kultur (Vorläufer der klassischen griechischen Kultur und Religion.)



Archaisches Griechenland (Homer, Hesiod, Hylozoismus, vorsokratische Philosophen wie Xenophanes, Parmenides oder Heraklit etc.)



Klassisches Griechenland (Platonismus, Aristotelismus etc.)



Hellenistisches Griechenland (Epikureismus, Stoizismus, Pyrrhonismus etc.)



Spätantike (Plotin, Porphyrios, Sallustios, Flavius Claudius Julianus, Sopatros, Hypatia, Proklos, Damaskios, Simplikios etc.; Ethnozid an den Hellenen.)



Frühmittelalter (Gewaltsame Christianisierung der letzten Hellenen Lakoniens, der Hellenen Manis in Peloponnes von «950» bis «988».)



Mittelalter (Georgios Gemistos-Plethon und sein hellenisch-polytheistischer Kreis; die auf Plethon zurückgehende Erneuerung der hellenischen Religion auf platonischer Grundlage; Juvenalios, Manilius Marullus, Demetrios Ralles Kabakes etc.)



Neuzeit (Michael Tarchaniota Marullus, ethnische Hellenen bei den Stradiotto, Hilysios Kallentzis; Nikolaos Politis, Thomas Taylor, Louis Menard, hellenischen Jakobiner der Ionischen Inseln von «1797»-«1799», Kult der Demeter im Dorf Eleusis nahe Athen bis ins Jahr «1801».)



Heute (Erste öffentliche hellenische Hieropraxie «1987». Revitalisierung des Hellenismos; Bund der ethnischen Hellenen in Griechenland; Gründung des Obersten Rates der ethnischen Hellenen – YSEE «für die Bewahrung und Wiederherstellung der genuinen hellenischen Tradition» im Jahr «1997». Hellenische Workshops und Kurse für Kinder. Außenstellen des YSEE in ganz Griechenland, Zypern und den USA. Gründung der philosophischen Einrichtung «Hekatevolos» in Athen durch den YSEE, Gründung der Labrys-Gemeinschaft. Gründung des DIIPETES, der ersten hellenischen Zeitschrift im heutigen Griechenland, und des Europäischen Kongresses der Ethnischen Religionen – ECER, zu dem auch der YSEE gehört. Wiederherstellung der hellenischen Religion, Orthopraxie und des Wertesystems am Ende des «20.» Jahrhunderts. Kampf für die Anerkennung des Hellenismos durch den Staat. Anerkennung des Hellenismos unter dem Namen «Hellenische ethnische Religion» durch den griechischen Staat im Jahr «2017». Präsentation des Hellenismos im Weltparlament der Religionen «2018». Schutz der hellenischen Tradition gegen Missbrauch und Vereinnahmung durch den Nationalismus und «Neopaganismus». Schutz des Hellenismos vor Verfälschung durch Ideologien und neue religiöse Bewegungen; Bekämpfung des Antihellenismus. Sukzessive Rehabilitierung des Hellenismos in der neugriechischen Gesellschaft. Vlassis G. Rassias, Timothy Jay Alexander u.a.)

Best Books on contemporary Hellenismos

Best Books on contemporary Hellenismos and Hellenic thinking
compiled by Stilian Ariston, latest update: August 21, «2019»


Alexander, Timothy Jay: Hellenismos Today, Breinigsville/Pennsylvania 2007.

Alexander, Timothy Jay: A Beginner’s Guide to Hellenismos, Breinigsville/Pennsylvania 2007.

Alexander, Timothy Jay: The Gods of Reason: An Authentic Theology for Modern Hellenismos, Breinigsville/Pennsylvania 2007.

Dervenis, Kostas: Oracle Bones Divination: The Greek I Ching, Rochester/Vermont 2014.

Dimitriadis, Haris: Epicurus And The Pleasant Life: A Philosophy of Nature, n.p. 2017.

Evangeliou, Christos C.: Hellenic Philosophy: Origin And Character, Burlington/VT 2006.

Hellenic Council YSEE of America: Hellenic Ethnic Religion: Theology and Practice, New York 2018.

Labrys: Hellenic Polytheism: Vol. I: Household Worship, Athens 2014.

Lefkowitz, Mary: Greek Gods, Human Lives: What We Can Learn from Myths, New Haven/London 2003.

Liantinis, Dimitris: Gemma, London 2013.

MacLennan, Bruce J.: The Wisdom of Hypatia: Ancient Spiritual Practices for a More Meaningful Life, Woodbury 2013.

Szabo, Allyson: Longing For Wisdom: The Message Of The Maxims, n.p. 2008.

16.08.2019

Der Begriff «Paganismus» und der Hellenismos

Im Abendland ist es weiterhin üblich,[1] die ethnischen Traditionen, vor allem die des Altertums, mit dem unwürdigen Begriff «Paganismus» zu bestimmen,[2] dabei wird die Tatsache ignoriert, dass die ethnischen Religionen keine «Religionen» oder Glaubensgemeinden im heutigen Sinn waren, sondern ein wesentlicher Bestandteil sowohl der ethnischen Identität der Menschen als auch der politischen Ordnung ihrer jeweiligen Polis oder Heimat. Der «Paganismus» wurde von den frühen Christen erfunden, um diejenigen, die an ihren Kulturen und Traditionen festhielten, als «unzivilisierte Rohlinge» bzw. als «Dorftrottel» zu verleumden oder zu «bezeichnen», obwohl beispielsweise der Hellenismos sich innerhalb der Poleis entwickelte und die meisten Hellenen der christlichen Ära in großen Städten wie Athen oder Konstantinopel lebten, viele davon waren Ärzte, Philosophen, Rhetoriker und Mathematiker. Wie dem auch sei, die meisten Menschen, die mit dem Hellenismos in Kontakt kommen, wissen oder lernen recht schnell, dass wir diesen Begriff ablehnen, weil er Ethnien auf «Religionsgemeinschaften», die hellenische Identität auf ihren missverstandenen religiösen Aspekt reduziert.

Darüber hinaus suggeriert der Begriff «Paganismus» eine Einheit aller ethnischen Religionen, was natürlich nicht der Wahrheit entspricht. Außerdem dient der Begriff heute vielfach den «Neopaganisten» als Selbstbezeichnung, und das könnte wiederum eine Verbindung des Hellenismos zu neuen religiösen Bewegungen suggerieren, die ihm fremd sind. Zudem werden mit diesem Begriff, besonders im angelsächsischen Raum, die ethnischen Religionen mit neuen religiösen Bewegungen des Abendlandes vermischt («Neopaganismus», New-Age-Bewegung, Esoterik), die mit den ersteren unvereinbar sind. Das Ergebnis ist Verwirrung und eine falsche Vorstellung davon, was der Hellenismos wirklich ist und wofür er steht. Grundsätzlich kann der «Paganismus» alles und nichts bedeuten, besonders in unserer Zeit, in der die Menschen es vermeiden, sich eindeutig und klar verständlich zu äußern. Hinzu kommt, dass der Begriff vom Eigentlichen ablenkt und den Traditionen ihre Identität nimmt. Aus der hellenischen, römischen oder japanischen Tradition wird ein «Paganismus», was bedeutet, dass wir uns dann mit diesem Begriff, seiner Bedeutung befassen müssen, anstatt zu fragen, was «hellenisch», «römisch» und «japanisch» heißen soll. Im Hintergrund schwingt dabei immer das Christentum mit, aber das hat hier nichts zu suchen. Der «Paganismus» ist mit vielen Stereotypen beladen; er knüpft an ein Vorverständnis der Religion an, welches die abendlandzentristische Sicht, die für ein adäquates Verständnis der jeweiligen ethnischen Religion eher hinderlich ist, bestätigt und reproduziert.

Daher liegt es nicht in unserem Interesse, diesen pejorativen Begriff zu übernehmen,[3] ihn gar als Selbstbezeichnung bei uns einzuführen, zumal das ein Selbstverständnis wäre, das in Abhängigkeit zum Christentum stünde, weil der «Paganismus» in Relation zum Christentum definiert wird. Andernfalls würden wir den christlichen Antihellenismus befördern oder den Antihellenen in die Karten spielen, die den Hellenismos als «neopagan», okkultistisch etc. zu brandmarken versuchen. Aber eine derartige Selbstbezeichnung wäre auch kontraproduktiv, denn um unsere Kultur zu revitalisieren, müssen wir die monotheistische Kolonisierung unserer Imagination überwinden, ihre Begriffe (und die von diesen transportierten Bedeutungen), Stereotype, Schemata und Klischees hinter uns lassen. Abgesehen davon sind wir ja ohnehin keine «Paganisten» und schon gar keine «Neopaganisten», insofern stellt sich die Frage gar nicht. (Der «Neopaganismus» ist aus dem Okkultismus heraus entstanden, der wiederum ein Nebenprodukt des Christentums darstellt.)

Wir sind Hellenen, genauso wie die Lakota Lakota sind. Tatsächlich könnte der Hellenismos nur in dem Sinne «pagan» sein, wie Pierre Chuvin den «Paganismus» definiert: als »Religion der Heimat im engsten Sinne des Wortes« (P. Chuvin, A Chronicle of the Last Pagans, S. 9, Cambridge, MA /London: Harvard University Press, 1990). Im Griechischen gibt es ein viel besseres Wort für solche Religionen: «ethnisch» (εθνική θρησκεία → ethnische Religion). Natürlich steht es allen Menschen frei, sich selbst als «Paganisten» oder «Heiden» zu bezeichnen und als solche bezeichnen zu lassen. Damit haben wir kein Problem. Aber wir möchten nicht, dass der «Begriff» auch auf uns angewandt wird. Solange wir jedoch wissen, was und wer wir sind, können die Leute uns «Teufelsanbeter», «Paganisten» oder «Götzendiener» nennen, solange sie wollen. Es ändert nichts. «Wir … sind dem Geschlecht [genos] nach Hellenen, dafür zeugt sowohl unsere Sprache als auch die von den Vätern ererbte Bildung [paideia].» (Georgios Gemistos-Plethon in seinem Schreiben an Kaiser Manuel Palaiologos II., in: Teresa Shawcross, The Chronicle of Morea. Historiography in Crusader Greece, S. 257, Oxford 2009). Wenn wir das im Kopf behalten, spielt alles andere keine Rolle mehr.

«Der Ausdruck ‹Paganist›, der sich aus dem ursprünglichen lateinischen Wort Paganus (Bauer) ableitet, ist ein weiteres Schimpfwort, das seit dem 4. Jahrhundert von den siegreichen Christen verwendet wird, um die Reste der traditionellen Religionen verächtlich zu machen. Sie benutzten diesen Begriff für die Menschen, die ihren ethnischen Traditionen treu geblieben sind, um zu unterstellen, dass es sich bei diesen Leuten um ungebildete und ungehobelte Dörfler handle. In den meisten europäischen Sprachen wurde der Ausdruck jahrhundertelang verwendet, um sich auf die Ethniker zu beziehen.[4] Im 20. Jahrhundert wurde er von verschiedenen christlich geprägten Anhängern der Esoterik und New-Age-Bewegung mit dem Suffix -neo (nämlich als Neopaganismus) wieder eingeführt.[5] Der ‹Neopaganismus› geht uns nichts an. Er kann sogar ein künstlicher Trick sein,[6] um von der aktuellen Weltherrschaft der sogenannten ‹Monotheisten› abzulenken.»[7] (Oberster Rat der ethnischen Hellenen, Frequently Asked Questions about the Hellenic ethnic religion and tradition, Nr. 24, zuletzt abgerufen am 10. Juli «2013»).

Anmerkungen

[1] Ich meine die Wissenschaftsgemeinde, die eigentliche Religion (Christentum) und die neuen religiösen Bewegungen des Abendlandes (Okkultismus, «Neopaganismus» u.a.).
[2] Auch in der Romiosini setzt sich die Verwendung des «Paganismus» («παγανισμός») zunehmend durch, wobei er oft im Zusammenhang mit den Neofaschisten oder als Synonym für «Götzendienst» gebraucht wird. Dementsprechend ist der Begriff negativ konnotiert.
[3] Es gab Ausnahmen, wo der Begriff von ethnischen Hellenen in Griechenland für die Bezeichnung der traditionellen Götterkulte verwendet wurde, entweder, weil sie in einer laufenden gesellschaftlichen Debatte eingriffen, in welcher der «Paganismus» bereits zur Bezeichnung der ethnischen Religion verwendet wurde, um auf Veranstaltungen das zu verteidigen, was unter «Paganismus» gemeint und angegriffen wurde oder um einem Artikel einen öffentlichkeitswirksamen Titel zu geben («Der Paganismus der Spätantike»), zumal der Begriff «ethnische Religionen» in Griechenland unbekannt ist und große Teile der Bevölkerung unter «hellenischer Religion» die Orthodoxie verstehen. Aber das wurde nicht von allen gut aufgenommen und der Begriff stößt heute noch auf sehr wenig «Gegenliebe», und das hat seine berechtigten Gründe. Der «Ethnismus» hingegen, der von vielen als allgemeiner Begriff für die ethnischen Religionen favorisiert wird, mag zwar aussagekräftig sein, hat aber im heutigen Sprachgebrauch eine breitere Bedeutung angenommen (ursprünglich «ethnische Religion», heute eher «ethnische Identität» und «Philopatrie») und kommt in der Alltagssprache fast gar nicht vor.
[4] Wurde von den Hellenen rehabilitiert, indem er auf seine etymologische Semantik zurückgeführt wurde, und als Selbstbezeichnung neu eingeführt. Wo er früher den «Götzendiener» oder ganz allgemein den «Polytheisten» meinte, ist er seit einigen Jahrzehnten der Träger eines spezifischen Ethos und damit einer spezifischen Identität und Tradition, wobei er aus der Notwendigkeit nach einer Abgrenzung zu einer mehrheitlich christlich-orthodoxen Gesellschaft eingeführt wurde, in der alle «Hellenes» heißen und sich als solche verstehen, wodurch der «Hellene» allein nicht mehr viel aussagt. Jedoch wird der «Ethniker» von vielen als Selbstbezeichnung abgelehnt. Seit einigen Jahren beobachten wir, wie der «ethnische Hellene» den «hellenischen Ethniker» verdrängt und ersetzt, weil er viel konkreter ist. Sind sie unter sich, nennen sich ethnische Hellenen einfach nur «Hellenen», weil es keine Notwendigkeit zur Abgrenzung gibt. «Hellenische Ethniker» und «ethnische Hellenen» sind also eher für die Kommunikation mit der Außenwelt gedacht. Für die Hellenen ist das auch eine Frage der Selbstbestimmung. In letzter Zeit sind Bestrebungen von seiten einiger «Neopaganisten» in Griechenland zu beobachten, diese Begriffe zu vereinnahmen.
[5] Als religiöse Selbstbezeichnung. Den Begriff selbst gab es schon früher.
[6] Der «Neopaganismus» stellt sich als Alternative zum christlichen Monotheismus dar, ist indessen ein Produkt des Monotheismus, von seinen Vorstellungen, seiner Kultur durchdrungen, weshalb er sie auch reproduziert. Hinter den antiken Götternamen des «Neopaganismus» stehen christliche und kabbalistische Konzepte, seine Riten sind dem Okkultismus entnommen, der selber eine Schöpfung des christlichen Abendlandes ist. Der Okkultismus geht auf den christlichen Magier von Nettesheim zurück («De occulta philosophia»), der Begründer des modernen Okkultismus war der christliche Freimaurer und Voltaire-Gegner Eliphas Levi, der sich mehrmals abwertend über den Hellenismos äußerte. Mindestens seit der «Kriegserklärung der Lakota gegen die Ausbeuter der Lakota-Spiritualität» von 1993 wissen wir, dass die Differenzen zwischen «Neopaganismus», der New-Age-Bewegung im Allgemeinen und den ethnischen Religionen nicht allein theoretischer Natur sind, sondern von diesen Bewegungen eine Gefahr für die ethnischen Religionen ausgeht (Vernichtung, Missbrauch, Enteignung sind nur einige der Begriffe, die in der «Kriegserklärung» vorkommen). Das Problem mit dem «Neopaganismus» ist nicht nur, dass er auf dem Monotheismus basiert, sondern dass er die christlichen Interpretationen der ethnischen Religionen, die er übernommen hat,  erneuert und weiter verbreitet. Damit perpetuiert er alte Vorurteile und betreibt ungewollt Gegenaufklärung zu Lasten der ethnischen Religionen, die er verfälscht, wobei er selbst von einer «Anpassung an die moderne Zeit» redet, ohne die «moderne Zeit» oder die «Moderne» zu definieren. Insofern ist er keine Alternative zum Monotheismus und seiner Kultur, sondern die Rückkehr zu diesem durch die Hintertür.
[7] Mit der «Weltherrschaft der Monotheisten» ist die Macht der christlichen und islamischen Staaten gemeint, die die Weltpolitik bestimmen, die Wissenschaftsgemeinde dominieren und über die Wirtschaft großen Einfluss auf andere Teile der Welt ausüben, die formal nicht vom Monotheismus unterjocht wurden. Jedoch ist mit «Monotheismus» nicht allein der religiöse, sondern alle Formen des Monotheismus gemeint, ob religiös, säkularisiert, politisch oder kulturell. So hat die Missionierung (die immer noch nicht als Verbrechen an der Menschheit anerkannt und geahndet wird), das messianische Sendungsbewusstsein lediglich neue, politische Formen angenommen, drückt sich beispielsweise in der Durchsetzung «westlicher Werte», des Parlamentarismus in der islamischen Welt aus, im «Amerikanischen Exzeptionalismus», in der extremen Verherrlichung der «Individualität» und in vielen Ideologien, die auf den ersten Blick nicht religiös oder von den monotheistischen Stereotypen belastet scheinen, aber einen ähnlichen Dualismus, eine ähnliche «weltkorrigierende» Agenda pflegen, deren Ziel es ist, die Menschheit vor sich selbst zu retten und in das «gelobte Land» zu führen, wenn nötig, sogar zu schleifen.

11.08.2019

Gemma: Wie man Mensch wird

«Gemma: Wie man Mensch wird» von Dimitris Liantinis

Dies ist ein äußerst wichtiges Buch, das in der ethnischen hellenischen Gemeinschaft «klassisch» geworden ist. Eine große Anzahl von Menschen in Griechenland kam erst über «Gemma» in Berührung mit dem Hellenentum. Es war dieses bemerkenswerte Buch, das viele und vor allem junge Menschen überhaupt auf den Hellenismos aufmerksam machte. Auf diese Weise hat Liantinis ihre ersten Schritte in Richtung hellenischer Tradition geleitet und mit seinem kompromisslosen Realitätssinn ihren Weg geleuchtet. Aus diesem und anderen Gründen kann der Wert dieses Buches für den Hellenismos gar nicht zu hoch eingeschätzt werden. Liantinis gehört zusammen mit Cornelius Castoriadis (1922-1997) zu den wenigen zeitgenössischen Denkern und Schriftstellern, die großen Einfluss auf den Hellenismos genommen haben.

Dr. Liantinis wurde bereits in den 1990er Jahren des Werteverfalls in der neugriechischen Gesellschaft gewahr und erblickte in der Rückbesinnung auf das hellenische Wertesystem einen Ausweg aus der neugriechischen Filzokratie, Vetternwirtschaft und den generellen Verfall der Kultur, der 2010 schließlich in der griechischen Wirtschaftskrise gipfelte, die eigentlich eine Kulturkrise ist. In dieser Hinsicht stellt «Gemma» eine einzige deftige Klatsche an die neugriechische Gesellschaft dar. Liantinis zeigt mit absoluter Klarheit die Kluft, den Riesenkontrast zwischen hellenischer und rhomäischer/neugriechischer Kultur auf und zerstört damit das Narrativ vom «Erben der Antike», auf das das heutige Griechenland gerne rekuriert, wenn es keine eigenen Leistungen vorzuweisen vermag. Seine Kritik an der neugriechischen Kultur und am Christentum ist niederschmetternd. Liantinis lässt hier keinen Ausweg und keine Fragen offen. Nach der Lektüre von «Gemma» steht der Weg frei.

Seit 2011 ist «Gemma: Wie man Mensch wird» endlich auch in deutscher Sprache erhältlich. Diesen Umstand verdanken wir dem Verlag Frank & Timme, der die mutige Entscheidung getroffen hat, dieses einzigartige Buch übersetzen zu lassen und in sein Programm aufzunehmen. Dafür gilt dem Verlag wie auch dem Übersetzer unser aufrichtiger Dank.

Wir empfehlen «Gemma» allen Menschen, die ihren Weg zur indigenen hellenischen Kultur suchen und wir empfehlen es denen, die verstehen wollen, warum die ethnischen Hellenen der neugriechischen Gesellschaft so kritisch gegenüber stehen.

Titel: Gemma: Wie man Mensch wird
Autor: Dimitris Liantinis
Herausgeberin: Nikolitsa Georgopoulou-Liantini
Übersetzung: Nikolaos Karatsioras
Verlag: Frank & Timme
Sprache: Deutsch
Seiten: 250

Zum Autor

Dr. Dimitris Liantinis (1942-1998) war Schriftsteller, Philosoph, Dichter und Professor am Institut für Pädagogik der Fakultät Philosophie, Erziehungswissenschaften und Psychologie an der Universität von Athen. Seine Bücher sind in Griechenland zu Bestsellern geworden. Im Juni 1998 schied er durch Suizid aus dem Leben. Das Buch «Gemma» war sein letztes Werk.

Link zum Buch

«Gemma» by Dimitris Liantinis (1942-1998)

«Gemma» by Dimitris Liantinis (1942-1998)

A very important book that has become «classic» within the Hellenic community. Many people in Greece made their first contact with Hellenism through «Gemma». Thus, Liantinis marked their first step towards Hellenic tradition. But «Gemma» is also an outright hard slap in the face of modern Greek society. Since 2013, «Gemma» is also available in English. We highly recommend it to those who seek their way to indigenous Hellenic culture and to those who want to understand why ethnic Hellenes are so critical to neo-Greek society. Together with Cornelius Castoriadis (1922-1997), Liantinis belongs to the few modern authors with a strong influence on contemporary Hellenismos.

Dr. Liantinis was Professor at the Department of Pedagogy of the Faculty of Philosophy, Pedagogy and Psychology of the University of Athens. In June 1998 he committed suicide. «Gemma» was his final work.

Some people think that Liantinis committed suicide because it was impossible for him to continue living in a barbaric and unethical society, as he saw modern Greece. In his last letter to his daughter Diotima he wrote: «Remember that there will be difficult times to come for the new generations. And it is unfair and very strange that the gift of life is given to humans, and most of them live in the confusion of this funny absurdity. My last act has the meaning of protest against the evil that we, the adults, prepare for the innocent new generations that are coming. We live our lives eating their flesh. An abyssal evil. My sorrow for this crime kills me.»

Author: Dimitris Liantinis
Editor: Nikolitsa Georgopoulou-Liantini
Translator: Yiannis Tsapras
Publisher: CreateSpace Independent Publishing Platform
Language: English
Pages: 262 pages

Link
For more informations

07.08.2019

Die Götter verwandeln uns

Sinn und Aufgabe des Götterkultes ist die Verehrung der Götter. Die Götter brauchen natürlich keine Gaben oder ihre Verehrung durch die Menschen. Aber durch die Riten gewinnen die Menschen die Nähe zu den Göttern. Es sind also die Menschen, die vom Götterkult profitieren. Wir kommen als Gemeinschaft zusammen und erblicken in den Statuen der Götter die Werte, die das öffentliche Leben strukturieren und aufrechterhalten (wie z.B. Schönheit und Ordnung), und die Tugenden, die wir kultivieren müssen, um gute Bürger zu sein und unser Wesen dem Wesen der Götter anzugleichen (omoiosis theo). Dabei werden die Statuen eigentlich für die Zwecke des Kultes angefertigt. Sie sind Zeichen für die Anwesenheit des Heiligen; sie erheben den Geist und machen die Menschen mit den Göttern vertraut. Und doch «offenbaren» die Götterstatuen die Funktionen und Eigenschaften der Götter, die ins Menschliche übersetzt, zu Tugenden (aretai) werden. Tatsächlich geht es beim Kult um die Götter, Heroen, Daimonen und die Ahnen. Aber die Ehrbezeugungen betreffen auch uns. Es ist das Beste in uns, das den Wein opfert und die Hand zum Gebet erhebt. Nicht allein mit Opfergaben ehren wir die Götter, sondern auch mit unseren reinen Gedanken während des Ritus.


Die Vorbereitung auf den Ritus findet auf zwei Ebenen statt. Auf der äußerlichen Ebene richten wir den Altar ein, bereiten die Opfergaben vor, reinigen die Umgebung. Auf der inneren Ebene bereiten wir uns auf den Kontakt mit den Göttern vor. Wir legen unsere profanen Gedanken, unseren Ärger und den Stress ab, erheben unseren mentalen Zustand in Richtung Gottheit und reinigen uns von Eindrücken, die nichts in der Nähe der Götter zu suchen haben. Anders können wir uns den Göttern sowieso nicht nähern.

Die Vorbereitung auf den Ritus, die Reinigung und der sakrale Akt selbst machen etwas mit uns. Die Orthopraxie ist wie eine reinigende Dusche. Wut, Stress, Sorgen fallen von uns ab. Je besser es uns gelingt, uns auf den Kontakt mit und auf das Heilige selbst einzustimmen, desto mehr berührt uns der Ritus. Der Kontakt mit den Göttern verändert uns, er tut uns gut. Er beruhigt den Geist, öffnet die Augen und die Ohren für die Welt um uns herum, erinnert uns an unsere vernunftbegabte Natur und lässt uns all das erkennen, was dieser unwürdig ist. Wir werden heute mit so viel Hass, Barbarei, irrationalen und inhumanen Gedanken konfrontiert. Das ist unserer Seele abträglich und kann den «inneren Kompass» durcheinander bringen, sich wie Staub auf unseren Geist legen und die Sicht auf die Welt trüben. In der Gegenwart des Heiligen wird dieser ganze Schmutz weggefegt. Wir sehen den Menschen, der wir sind. Wir sehen den Menschen, der wir sein können. Ohne zu bewerten, ohne von Schuldgefühlen erdrückt zu werden, nehmen wir den Zustand unserer Seele wahr und werden von Tugenden erfüllt, die sie wieder schön machen. Die Götter können die Taten der Vergangenheit nicht tilgen, denn diese sind bereits geschehen. Aber sie können den schlechten Menschen tilgen, der wir waren und in den verborgenen Rissen unserer Seele vielleicht immer noch sind, und uns ein neues Leben schenken. Wir finden die Kraft, wieder ganz Mensch zu sein, und das in einer Gesellschaft und Zeit, die in eine andere Richtung drängt. Selbst wenn wir tief gefallen sind, unsere Würde verloren haben oder nicht wissen, wo uns der Kopf steht, finden wir uns wieder und unser Geist erblüht in Selbstachtung.

Wir werden zu besseren Menschen, je näher wir den Göttern kommen. Sie wenden sich nicht von uns Menschen ab. Unsere Verblendung kappt die Verbindung zum Heiligen. Unsere Tugend stellt sie wieder her. Die Hinwendung zu den Göttern heilt unsere Schlechtigkeit, lässt das klar sehende Auge hinter die Dunkelheit des Zorns schauen und hilft uns zu akzeptieren, dass wir Menschen sind. Dadurch werden wir von quälenden oder gar neurotischen Perfektionszwängen befreit, weil wir lernen, gemäß der Natur zu leben und unsere menschliche Natur, ihre Möglichkeiten und Grenzen zu akzeptieren und Frieden zu schließen mit dem inneren Anteil unserer Persönlichkeit, dem wir nie gut genug sind. Das Maß, das sie uns aufzeigen, führt dazu, dass wir unsere maßlosen Anforderungen an uns selbst hinterfragen. Wir lernen gut zu sein, zu uns und zu allen, die dieser Güte würdig sind.

Der Götterkult öffnet uns nicht nur für den segensreichen Einfluss der Götter, hilft uns nicht bloß dabei, Verständnis für uns und andere zu entwickeln, sondern ermöglicht uns vor allem die menschliche Natur zu ehren. Die Götter sprengen die Ketten der Vergangenheit und erlauben uns, uns zu einem «anderen» Menschen zu entwickeln. In der Gegenwart des Heiligen, durch die Kraft reiner Gedanken, lernen wir mit unseren Krankheiten umzugehen und reduzieren uns nicht auf unser Leiden oder unsere vergangenen Fehler. Der Tod wird real und verliert gerade dadurch seinen Schrecken. Die Opferriten lehren uns die Wirklichkeit des Todes, führen uns unsere eigene Endlichkeit vor Augen und helfen uns, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen. Dadurch nimmt unser Leben an Substanz zu. Wir erwarten keine «Retter» oder «Erlöser». Die Tragik des menschlichen Daseins enthüllt sich vor unseren Augen. Und doch lernen wir die Geborgenheit des Seins kennen. Wir erkennen den Wert guter Beziehungen, lernen die Schönheiten und Freuden des Lebens wirklich zu schätzen und nicht für selbstverständlich zu halten. Denn das sind sie nicht. Dadurch zieht mehr Freude in unser eigenes Leben ein und wir gönnen auch den Menschen ihre eigene Freude am Leben. So viele Menschen verschwenden ihre Zeit damit, andere ins Unglück zu stürzen und vergessen dabei, sich selber glücklich zu machen. Glück und Freude bieten uns die Grundlagen, um befreite und gute Menschen zu sein. Die Freude gehört zum Götterkult wie der süße Duft des Weihrauchs.

Im Götterkult bzw. durch diesen begreifen wir uns als kleine Einheiten des Ganzen. Wir feiern diese Verbindung mit der Welt, die Heiligkeit der Natur, die Ästhetik und wunderbare Ordnung des Kosmos, ein Wort, das für uns Hellenen eine große Bedeutung besitzt. Das griechische Wort Kosmos wird heute gemeinhin mit Welt oder Weltganzes übersetzt und bezeichnet den geordneten Teil des Universums. Das Wort selbst bedeutet Weltordnung, Schmuck, Ordnung. Die griechischen Wörter für Schmuckstück und Verzierung (kósmima), gutes Benehmen oder Anstand (kosmiótita) und ehrbar (kósmios) stammen von diesem einen Wort ab. Wenn wir die Schönheit und Ordnung des Kosmos ins Menschliche übersetzen, wird daraus die Tugend der kosmiótita. Wir Menschen existieren im Sein und sind deshalb Teile dieser Schönheit. Was liegt also näher, als diese Schönheit und Ordnung nachzuahmen, widerzuspiegeln und ihr auf diese Weise zu entsprechen? Wie schon Demokrit sagte: «Der Mensch ist eine kleine Welt» (DK 34). Lassen wir diese Schönheit auch in unseren Beziehungen mit den Menschen, mit den Tieren und der Natur die Oberhand gewinnen, erweisen wir uns und allen Lebewesen die gebührende Achtung. Wird diese Tugend den Planeten «retten»? Nein. Aber das ist nicht unbedingt das Ziel. Wir zeigen die gebührende Achtung einfach deshalb, weil es richtig ist. Das ist Grund genug. Und dadurch erweisen wir uns auch selbst Respekt. Diese edle Gesinnung strahlt auch auf unsere Umgebung und unsere Gemeinde ab und kann dazu beitragen, sich der allgemeinen Barbarisierung zu verweigern und das Gemeinwesen humaner zu organisieren. Nicht nur das, auch unsere Freundschaften, unsere Beziehungen zu unserer Mutter, unseren Geschwistern und Bekannten erfahren eine neue Qualität, vertiefen sich, werden menschlicher und von Milde getragen. So helfen wir auch anderen, uns besser zu verstehen und können das Unsere dazu beitragen, den Respekt, die Liebe und Freundschaft der Menschen zu gewinnen und zu erhalten, die uns wichtig sind. «Wie liebenswürdig ist der Mensch, wenn er Mensch ist» (Menander, Fragment 484). Wir sehen also, der Götterkult dient den Göttern und nützt den Menschen, denn er ist nicht nur Opferritus, sondern auch Erziehung zum Menschsein, zum Humanismus im klassischen Sinn. Der Humanismus wiederum ist das «geistige Prinzip der Griechen» (Werner Jaeger: Paideia: The ideals of Greek culture Vol. I: Archaic Greece, the mind of Athens, 3. Auflage, S. XXIII, Oxford 1946).